Schämen sich die Deutschen für ihre Sprache?

Wird die durch Anglizismen verursachte Gefahr für unser Deutsch verharmlost? - Warum treiben Politiker und sogar Minister Schindluder mit der deutschen Sprache? Mit welchem Recht verlangen wir von Zuwanderern, die deutsche Sprachen erlernen zu müssen?

Mit diesen Fragen befasste sich der VDS-Vorstand in seiner jüngsten Sitzung in der Fernwaldhalle. Regionalvorsitzender Adolf Wallbott (Fernwald) gab dazu einen Rückblick auf Presseberichte und Veranstaltungen der vergangenen Woche. In Bad Hersfeld sei die neue „Wissens- und Erlebniswelt – Science Center Deutsche Sprache“ eingeweiht worden. Dabei habe Wirtschaftsminister Dieter Posch es richtig gefunden, die Einrichtung als „touristisches Highlight“ zu feiern. Das Projekt, „das sich des Themas Sprache in all seinen Facetten annehme, habe nicht nur eine herausragende Bedeutung für Bad Hersfeld, sondern ebenso für die gesamte touristische Destination Nordhessen.“ Dazu stelle sich für den VDS natürlich die Frage, warum der Minister ausgerechnet in diesem Zusammenhang Schindluder mit der deutschen Sprache treibe.

In vielen Großstädten gebe es zahlreiche Beispiele für diesen Vorgang der Missachtung der deutschen Sprache. Wer etwa rund um den Hackeschen Markt in Berlin einkaufen wolle, brauche keinerlei Deutschkenntnisse und müsse sich ernsthaft fragen, ob er dort in einigen Jahren als Deutscher überhaupt noch verstanden werde. Schon heute suche man dort vergeblich nach Hinweisen wie „soeben eingetroffen“ oder „reduziert“ in den Szeneläden, dagegen treffe man auf Hinweise wie „New Arrivals“ oder „Offers“ – es gebe auch nicht Angebote in Damen- oder Herrenmode, sondern es werde einfach nach „Men“ und „Women“ unterschieden.

Als ermunternde Gegenbeispiele zu diesen bedenklichen Vorgängen und Zuständen nannte Wallbott drei Veranstaltungen vom vergangenen Wochenende:  die Verleihung des Georg-Büchner-Preises an Reinhard Jirgl durch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung, die Vergabe des
Thomas-Mann-Preises an Christa Wolf in Lübeck sowie die Verleihung des Jacob-Grimm-Preises Deutsche Sprache an den Rocksänger Udo Lindenberg in Kassel. Bei diesen Ehrungen habe das Thema deutsche Sprache eine herausragende Rolle gespielt.

Der VDS sehe sich durch diese Veranstaltungen in seinem Bemühen bestätigt, für die Pflege und sorgsamen Umgang mit der Sprache einzutreten. Eine Sprache schaffe Wesensgleichheit. Wenn aber die Deutschen ihre eigene Sprache aufgäben, stelle sich die Frage, mit welchen Argumenten man den Zuwanderern erklären wolle, dass sie die deutsche Sprache lernen sollen.

Vorstandsmitglied Hermann Schubart (Marburg) regte in diesem Zusammenhang an, nicht nur den Missbrauch der deutschen Sprache anzuprangern, sondern auch positive Beispiele für den sorgsamen Sprachgebrauch in der heimischen Wirtschaft zu entsprechenden Würdigungen zu nutzen und dafür Anerkennungspreise zu vergeben. Natürlich stelle sich dann auch die Frage nach entsprechenden Förderern für dieses Vorhaben.

Das Vorstandsmitglied Ernst Lorch (Gladenbach) berichtete über kritische Äußerungen von „Sprachexperten“ zu den Zielen des VDS. So werde z.B. die durch Anglizismen verursachte Gefahr für unser Deutsch verharmlost und als unbegründet dargestellt. Die meisten dieser Begriffe würden wieder aus unserem Sprachbild verschwinden, außerdem seien es verschwindend wenige Wörter.

Lorch stellte dazu fest, dass dies keinesfalls zutreffe, zumal inzwischen fast alle neuen Bezeichnungen aus dem technischen und elektronischen Bereich englisch seien. So würden bereits über 7000 Anglizismen, das sind ca. 7% unseres Sprachschatzes, die deutsche Sprache unterwandern und angestammte Wörter meist verdrängen. Er sei der Auffassung, dass eine Sprache, die sich nicht durch neue eigene Begriffe weiter entwickelt, in absehbarer Zeit zum Aussterben verurteilt ist.

Aus dem Bereich Gladenbach berichtete er, es seien zwar einige Lichtblicke aber auch neue Schlagzeilen zu verzeichnen. So bemühe man sich um die Anerkennung als „fair-trade-town“ und werbe z. B. für eine Aktion „ladys-day“ sowie für ein neu geschaffenes „outdoor-Schachfeld“.

Adolf Wallbott
VDS-Vorsitzender der Region Mittelhessen

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